Unsere Geschichte

Reinhard Junge: „In Dortmund waren sich immer alle Menschen einig, wenn es um den Kampf gegen die Nazis ging“

Reinhard Junges Leben ist mit dem Jugendring Dortmund stark verwoben – sein  Vater Heinz war 1945/46 einer der Gründer kurz nach dem zweiten Weltkrieg und er selbst trat als Schüler den „Falken“ bei. Das gemeinsame Ziel der Familie: Politische Jugendarbeit stärken und gegen den Faschismus ankämpfen. 

„Interessant ist, dass viele der Leute, die von Anfang an beim Jugendring dabei waren, sich schon im KZ darüber unterhalten haben, wie es nach der Niederlage des Faschismus weitergehen soll”, erzählt Reinhard Junge. Sein Vater Heinz saß während des Zweiten Weltkriegs unter anderem mehr als vier Jahre im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Das war auch der Ort, an dem sich Heinz Junge mit weiteren Gefangenen über eine erste Idee eines Verbundes ausgetauscht haben – auch wenn der Name „Jugendring” erst später zur Identität gehörte. Immer wieder wird die Familie nach dem Krieg mit dem Ort in Verbindung kommen, der zum Werdegang vieler ehemaliger Dortmunder gehört. 

Heinz Junge, ein sehr aktiver junger politischer Mann, stammte aus einer Bergarbeiterfamilie. Sein Ziel: Kommunist werden, so wie sein Vater es schon war. „Meinem Vater war immer klar, dass man etwas dagegen tun muss, dass die Arbeiterschaft augebeutet wird”, erzählt Reinhard Junge. Während des Aufkommens der NSDAP arbeitete er deshalb im kommunistischen Jugendverband in Dortmund mit. 1932/33 „gab es so unglaublich viele Wahlen”. Heinz Junge und seine Gruppe setzen zusammen mit der sozialistischen Jugend der SPD rote Flaggen auf Schornsteine, klebten Parolen an Hauswände und verteilten Flugblätter. Auf ihnen stand die eindringliche Warnung: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“

Verhaftung und Gefängnisstrafe

Heinz Junge wurde daraufhin kurzfristig verhaftet und nach zwei Tagen wieder freigelassen. Beweise haben gefehlt. Doch einige Tage später holte man ihn wieder ab, die Gestapo hatte nun deutliche Hinweise auf ihn. „Er hat von der Zeit nicht viel gesprochen. Aber er wurde heftigst gefoltert”, erzählt Reinhard Junge. Mit 18 Jahren kam Heinz Junge zunächst ins Konzentrationslager Esterwegen bei Papenburg. Da er zu diesem Zeitpunkt noch nicht volljährig war, kam er von dort aus vor das Jugendgericht nach Dortmund. Er wurde zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Bochum „absaß“. Für seine Parteikollegen bei der KPD war bald nach seiner Entlassung klar: Er muss Deutschland verlassen „Er hatte damals sehr Glück. Üblich war nämlich eigentlich, dass die Gefangenen direkt nach Haft von der Gestapo, ins KZ gebracht worden sind.” 

Seine Genossen schickten ihn in die Emigration in die Niederlande, von wo er mit weiteren Leuten antifaschistische Zeitungen, Schriften und Flugblätter nach Deutschland schickte. Viele Rheinschiffer schmuggelten diese über die Grenze.

Leben im Exil

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs internierte die niederländische Polizei die Emigranten aus Deutschland – Heinz Junge kam mit 50 anderen auf die Insel Vlieland. „Bis auf ein paar Ausnahmen waren alle Kommunisten. Sie haben auf der Insel damals die Fahhradwege angelegt.

Schlecht behandelt haben die Niederländer sie dort nie. Bis zum Überfall auf die Niederlande lebte Heinz Junge auf der Insel. Die Fischer wollten die Emigranten noch nach Großbritannien bringen – doch er und weitere Deutsche wollten für den Widerstand kämpfen. Wenige Wochen später saß Heinz Junge wieder in Steinwache und kam von dort nach  Sachsenhausen.

„Im KZ hat er zur illegalen Lagerleitung gehören, die sie mit ausländischen Gefangenen gebildet haben.” Im Februar 1945 wurde er nach Österreich in ein Nebenlager von Mauthausen verschleppt, wo er im Steinbruch arbeiten musste. Die durchschnittliche Lebenserwartung: drei Monate. „1945, kurz bevor die Amerikaner die Insassen aus dem Lager befreiten, lag mein Vater schon auf einem Haufen mit Toten. Völlig unterernährt, 45 Pfund wog er“, erzählt Reinhard Junge. Zwei seiner Freunde sahen in dort liegen. Als sie ihm die Augen zudrücken wollten, spürten sie, dass er noch warm war. So wurde er doch noch gerettet.

Anfänge der Jugendarbeit

„Dann gab es natürlich erstmal ein richtige Feier, aber in den Tagen danach fing er an, ehemalige KZ-Insasssen und politische Freunde aufzusuchen, um erste Aktionen zu planen.”, erzählt Reinhard Junge. Zu Beginn besetzten sie zu viert ein Haus, das schon In den 30ern von verschiedenen Jugendorganisationen genutzt worden war. „Das Ziel, worauf sich die Männer geeingt hatten war: Wir wollen alle Kinder und Jugendliche erreichen.”

Nach einiger Zeit versuchte die Stadtverwaltung das Haus einzunehmen. Da das Gebiet in britischer Hand war, holte die Verwaltung das britische Militär, um die jungen Aktivisten, die das Haus nicht übergeben wollten, zu verhaften. „Durch einen Zufall war der Offizier aber Holländer. Mein Vater, der ja lange in Holland war, sprach gut holländisch und sie einigten sich darauf, dass sie das Haus behalten durften.”

Wir haben ein Problem, wir haben immer noch Waffen liegen. Gewehre, Panzerfäuste, Munition.

In den ersten Monaten nach der Befreiung, erzählte Heinz Junge seinem Sohn, dass die SPD jede Person, die eintreten wollte, mit dem zuständigen Ortsverband der KPD abcheckte – und umgekehrt. Das ging offenbar bis ins Frühjahr 1946, als die Stimmung labgsam in den Kalten Krieg umschlug. 

Dennoch halfen immer mehr Leute bei der Renovierung des Hauses der Jugend. Einige sogennante Werwölfe, die von den Nationalsozialisten verpflichtet worden waren, terroristische Attentate durchzuführen, schlossen sich der Gruppe an.

Freundschaften unter Aktivist*innen

„Eines Tages kam einer von ihnen zu meinem Vater mit den Worten: Wir haben ein Problem, wir haben immer noch Waffen liegen. Gewehre, Panzerfäuste, Munition.”

Da sie Angst hatten, von den englischen Soldaten verhaftet zu werden, ist Heinz Junge selbst zu den Engländern gegangen. „Mein Vater gab an, dass er über einen anonymen Tipp an an die Waffen gekommen sei. Einer dieser ‚Wölfe` ist später Oberbürgermeister in Dortmund geworden. Es war Günther Samtlebe.”

Reinhard Junge beschreibt die Verbindung zwischen vielen der Aktivist*innen als Freundschaften, „die zum Teil ein ganzes Leben gehalten haben.”

Reinhard Junge steht vor der Steinwache in Dortmund. Foto: Karsten Wickern.

Um die Gräultaten der damaligen Zeit zu dokumentieren und Bürger*innen zu informieren, organiserte seine Familie eine Wanderausstellung. Unterstützung erhielten sie auch von weiteren ehemligen Sachsenhausenern. „Wir haben die Ausstellung über das KZ Sachsenhausen im ersten Durchgang mit meinem Vater und meiner Mutter auf dem Küchentisch geplant. Und die wurde dann langsam ausgebaut.” Zusammen fuhren sie durch Deutschland und zeigten, was in Sachsenhausen passiert war.

Auch das Jugendhaus entwickelte sich über die Jahre von einem besetzen Haus zu einer festen Institution für junge Menschen in Dortmund. Auch Reinhard Junge verbrachte große Teile seiner Jugend dort. „Wir haben nicht nur unsere Freizeit dort verbracht und Akitivtäten organisiert, wir haben auch weiterhin Aufklärungsarbeit betrieben“, erinnert sich Reinhard Junge. Für ihn war und ist der Ort ganz klar „eine Bereicherung”.

Wenn Reinhard Junge über die Erlebnisse seienr Familie erzählt betont er immer wieder den Zusammenhalt. „In Dortmund waren sich immer alle einig, wenn es um den Kampf gegen die Nazis ging“, erinnert er sich. Früher wie auch heute – denn alle wollten verhindern, dass noch mal Faschismus im Land herrscht. 

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